Bewegte Geschichte

Römer, Sassaniden, Araber, Seldschuken, Mongolen, Russen … die Geschichte Aserbaidschans ist mit zahlreichen Eroberungen durch verschiedenste Völker und mit historisch bedeutenden Namen wie Alexander dem Großem und Pompeius verbunden. Ein Grund hierfür war die geographische Lage Aserbaidschans. Als Schnittpunkt der Karawanenwege für den Handel zwischen Orient und Abendland wurde das Land zur Nahtstelle einer Vielzahl an Zivilisationen, Nationen und Kulturen, die sich hier zwischen den Bergen des Kaukasus und dem Kaspischen Meer entwickeln bzw. ausdehnen konnten. Aserbaidschan war bereits lange vor Beginn der Antike besiedelt. Dies belegen zahlreiche Funde, u.a. die teils rund 10.000 Jahre alten Felszeichnungen von Qobustan und die ca. vor 7.000 Jahren erbauten Lehmhäuser von Nachtschywan.

Antike

900 v. Chr. kam es in Aserbaidschan zur ersten nachweislichen Staatsgründung durch die Mannäer. 2 Jahrhunderte später wurde der Staat Mannai zunächst von den Medern erobert, die wiederum den Persern weichen mussten. 330 v. Chr. unterwarf Alexander der Große das Perserreich. In der Folge entstanden zwei Staaten: „Atropatene“ im Süden und „Albania“, benannt nach den damals dort lebenden Albanern, im Norden des heutigen aserbaidschanischen Staatsgebiets. 65 v.Chr. fiel Albania durch den Feldherrn Pompeius an Rom. 

Im 3. Jahrhundert n. Chr. schließlich gelangte ganz Aserbaidschan unter die Herrschaft des zweiten antiken persischen Großreichs. Mit den Persern etablierte sich auch eine neue Staatsreligion: Verehrt wurde als einziger Gott und Schöpfer der Lichtgott Zarathustra. Die auf seinen Altären brennenden Feuer wurden schon damals durch Petroleum gewonnen. Der Einfluss des Christentums wiederum erfolgte zunächst über Armenien, das den nördlichen Teil Aserbaidschans missionierte. 

Mittelalter

Mittelalterliche Festung auf der Halbinsel Abseron
Mittelalterliche Festung auf der Halbinsel Abseron

Nach einer rund 50 Jahre dauernden Friedensperiode in Albania wurde es 643 durch die Araber erobert. Es folgte die Entchristianisierung des Landes im Namen Allahs. Unter der Führung des Nationalhelden Babek kam es ca. 2 Jahrhunderte später zum Aufstand. Dieser wurde zwar nach 20 Jahren aufgelöst, dennoch wurde der arabische Herrschaftsbereich durch die Ausbildung autonomer Fürstentümer eingeschränkt. 

Mitte des 11. Jahrhunderts wurde die Araber durch einen Zusammenschluss einwandernder turksprachiger Stämme und der türkischen Dynastie der Seldschuken besiegt. Die kulturellen Grundlagen für das heutige Aserbaidschan entstanden: die Mischung des Türkischen mit den Sprachen alteingesessener Stämme führte zum Aserbaidschanischen. Das bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts währende erste „Goldene Zeitalter“ führte zu beispielhaften Leistungen in Architektur, Kunst und Literatur. Der Blütezeit ein Ende setzten die ab 1220 einfallenden Mongolen, die bei ihren bis ins 14. Jahrhundert anhaltenden Eroberungen schwere Verwüstungen hinterließen.

Neuzeit

Das 16. Jahrhundert war wiederum, abgesehen von einer kurzzeitigen Eroberung durch die Osmanen, durch die Herrschaft der Perser mit ihrer Dynastie der Safawiden geprägt. In diese Periode fällt auch das zweite „Goldene Zeitalter“, in dem u.a. der Nationaldichter Memed Füzuli die aserbaidschanische Literatursprache auf höchstes Niveau brachte. 

Schon bald dem Tod des letzten Safawiden-Herrschers und einer wieder erstarkten Autonomie der Fürstentümer ab 1747 wurde Aserbaidschan zum Spielball von Persien und Russland. Nach drei Kriegen endete die Auseinandersetzung der Großmächte mit einer Teilung Aserbaidschans – in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fiel der Norden an die Russen, der Süden an die Perser. Die Grenzlinie bildete der Fluss Araz, der auch heute noch die Grenze zwischen Aserbaidschan und dem Iran markiert.

Russifizierung und Sowjetherrschaft

Mit Ausnahme des 50-jährigen Kaukasuskrieges, der 1864 beendet wurde, war die Russifizierung nicht von kriegerischen Konflikten begleitet. Alte Fürstentümer wurden teils in den russischen Reichsadel aufgenommen, die Verwaltungsstruktur neu geordnet und die Leibeigenschaft aufgehoben. Einer der schwersten Eingriffe bezog sich auf die eigenständige Kirche der christlichen Albaner. Diese wurde der armenischen gregorianischen Kirche untergeordnet. 

Besondere Bedeutung gewann das in der Umgebung von Baku befindliche Erdöl, dessen wirtschaftliche Rolle erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erkannt wurde. So trugen die Ölfelder von Asberon 1898 ca. 95 % zur russischen und 50 % zur weltweiten Erdölproduktion bei. Bakus Aufstieg zu einer Industriemetropole begann: die Bevölkerung wuchs im Zeitraum 1863 bis 1914 von 14.000 auf 250.000 Einwohner, zahllose Unternehmen, Händler und Arbeiter siedelten sich an. 

Infolge der Oktober-Revolution ergriffen 1920 auch in Aserbaidschan die Bolschewiki die Macht – das Ende der 2-jährigen Demokratischen Republik Aserbaidschan, die weltweit als erste muslimisch geprägte Republik das Frauenwahlrecht eingeführt hatte. Es folgten insgesamt 70 Jahre sowjetischer Herrschaft. Charakterisiert durch Härte gegenüber aserbaidschanischen Eigenheiten in Religion, Kultur und Sprache, begleitet von Internierung und Verfolgung national ausgerichteter Oppositioneller. Erst mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 wurde Aserbaidschan wieder ein souveräner Staat.

Neuanfang und aktuelle Situation

In der jungen Republik Aserbaidschan vollzogen sich zunächst tiefgreifende Reformen in der Innenpolitik. Dazu zählten optimierte rechtliche Rahmenbedingungen für den Aufbau der Marktwirtschaft, flankiert u.a. von Maßnahmen zum Investitionsschutz und zur Stabilisierung des Finanzsektors. 

Ein Jahrhundertvertrag mit internationalen Mineralölkonzernen inkl. Realisierung einer eigenen Pipeline führte zu einer deutlichen Konjunkturbelebung. In der Außenpolitik konzentrierte man sich darauf sowohl russischen als westlichen Interessen entgegen zu kommen. 2001 erfolgte die Aufnahme Aserbaidschans in den Europarat – ein weiteres Zeichen der Anerkennung. 

Präsident von Aserbaidschan ist nach dem Rückzug von Heydar Aliyev seit 2003 sein Sohn Ilham Aliyev, der auch bei den Wahlen 2008 in seinem Amt bestätigt wurde. Er ist außenpolitisch prowestlich ausgerichtet und kann folglich auf die wirtschaftliche und politische Kooperation des Westens vertrauen. Während seiner Amtszeit hat sich Aserbaidschan weiterhin als zuverlässiger Energielieferant etabliert. Ungelöst ist der Konflikt um die an Armenien verlorene Region Nagorny Karabach trotz Bemühungen der OSZE und wiederholten Treffen der Präsidenten von Aserbaidschan und Armenien.

Staatlichkeit Aserbaidschans

Staatliche Traditionen im Territorium des heutigen Aserbaidschans reichen bis in die zweite Hälfte des 9. Jhr. v. Chr. zurück, in der sich das Königreichder Mannäer herausbildete. Zwei Jahrhunderte später geriet dieses Gebiet unter die Herrschaft der Meder(Midien, 7. Jh. v. Chr.). Einige Zeit danach gehörte ein Großteil Aserbaidschans dem Achämeniden Reich an. Als sich die Achämeniden Alexander dem Großen beugen mussten, gründete Atropates, Satrapvon Klein-Medien, auf dem Gebiet des heutigen Südaserbaidschans einen selbstständigen Staat, der nach ihm Aserbaidschan benannt worden sein soll. Darüber hinaus war Albanien ein wichtiges Staatsgebilde in der Antike, das in Nordaserbaidschanim 4. Jhr. v. Ch. gegründet, aber schon im 3. Jhr. v.Ch. von den iranischen Parthem unterworfen wurde Zwischenzeitlich war Albanien auch römischer Vasallenstaat, in dem im 4. Jhr. n. Chr. das Christentum eingeführt wurde. Die zukunftsweisende Zäsur in der Geschichte des Landes war jedoch dessen Islamisierung 'die im Jahre 643 durch den Einfall der Araber stattfand. ,Mit der arabischen Eroberung gingen demzufolge der albanische Staat und seine Kirche zugrunde. "Nach dem Untergang des kaukasischen Albaniens existierte auf dem Gebiet des heutigen Nordaserbaidschans nur ein Staatsgebilde, das übermehrere Jahrhunderte fast kontinuierlich bestand. Von799 bis 1538 regierte die Dynastie der Schirwanschahs auf den Gebieten von Kura bis Derbent in der Hauptstadt Schamachi. Die Schirwanschahs spielten in der mittelalterlichen Geschichte von Aserbaidschan eine zentrale Rolle, bis sie 1538 durch die Safawiden endgültig entmachtet wurden. Seine Hauptstadt Schamachi war neben Täbris eines der wichtigsten politischen und kulturellen Zentren in ganz Aserbaidschan.

Sozioethnische Ursprünge des aserbaidschanischen Volkes Die vorherrschende Ansicht in der westlichen Fachliteratur ist, dass Aserbaidschaner ein mit der iranischen Kulturen verbundene kaukasische Völker seien, das erst im Laufe des Mittelalters sprachlich türkisiert worden sei. Die meisten einheimischen Historikerin Aserbaidschan hingegen gehen davon aus, dass die in Aserbaidschan ansässige Bevölkerung noch vor der Einwanderung der türkstämmigen Seldschuken im11. Jhr. sowie vor Islamisierung des Landes im 7. Jhr. mehrheitlich untereinander in der eigenen türkischen Volkssprache kommuniziert habe, aufgrund derer sich im Laufe der mittelalterlichen Zeit auch die aserbaidschanische Literatursprache entwickelt habe. Jenseits des Historikerstreits zur Ethnogenese desaserbaidschanischen Volkes lassen sich insgesamt folgende Eckpunkte festhalten:- Dass nicht nur Geschichte, sondern auch Geographie die Nation ausmacht, bestätigt sich gerade auch am Beispiel der kaukasischen Völker. Bei den später einsetzenden Volks- und Staatswerdungsprozessen im Kaukasus hat nämlich die geographische Gliederung der Region grundlegendmitgewirkt, deren Gebirgszüge den kaukasischen Raum in einzelne Kammern aufteilen.(6) im östlichen Südkaukasien verliert aber die Landschaft weitgehend den Gebirgskammercharakter, der sonst seinen (Ur-)Bewohnern im Laufe der Geschichte einen natürlichen Schutz vor fremden Eindringlingen geboten hätte.- Infolge seiner spezifischen Lage wurde der östliche Teil Südkaukasiens (Nordaserbaidschan) zu einempermanenten Durchzugsgebiet im Laufe der Völkerwanderungen seiner Geschichte, was wiederumdazu führte, dass Aserbaidschan ethnolinguistisch anderszusammengesetzt ist im Vergleich zu West- und Nordkaukasien, wo sich der Gebirgskammercharakterder Landschaft eindeutig nachweisen lässt. Etwa um das Jahr 2000 v. Chr. zogen indoeuropäische Völker aus Europa durch den Kaukasus auf ihrer großen Wanderung, die sie unter anderem durch das heutige Aserbaidschan über den Iran bis nach Indienführte. Ähnlich wie in allen übrigen Teilen Europas, fanden indoeuropäische Völker auch im Kaukasus die dort ursprünglich ansässige Bevölkerung vor. Während diesem Durchdringungsprozess entstanden neue Völkerstämme im Kaukasus: Sakasenen, Albaner, Kaspier, Gelen, Kadusen. Amaraden, Tapuren und Hirkanen – all diese Völker bildeten später den Staat Albanien. Zu diesen Prozessen kamen die frühzeitig einsetzenden und ständig wiederkehrenden Wanderungswellentürkischer Stämme sowohl aus dem Süden als auch aus dem Norden des Kaspischen Meers hinzu. Die Völkerwanderung erreichte jedoch erst in der Zeit der Seldschuken und der Mongolen zwischen dem11. und 13. Jhr. das Ausmaß, welche für das ethnische Gesicht des heutigen Aserbaidschans maßgebend bestimmend ist.  Geographische Bedingungenspielten hierbei ebenfalls eine entscheidende Rolle, da türkische Stämme als Hirten- und Reiternomadenbevorzugt in jenen Gebieten siedelten, die ihren Herden das beste Klima boten. Dies war vor allem im Gebiet von Aserbaidschan der Fall. Dieser Prozess wurde erst durch die drei großen Rückwanderungswellen türkischer Nomadenstämme im 15.-16. Jhr. abgeschlossen. Den beiden ersten Rückwanderungswellen der türkischen Stammeskonföderationen der Kara Koyunlu („SchwarzeHammel") und der Ak Koyunlu („Weiße Hammel") aus Ostanatolien im Laufe des 15. Jhr. folgte die dritte Welle durch die türkischen Kizilbasch-Stämme („Rotköpfige")aus Anatolien zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Siebrachten ihrerseits die Macht der Ak Koyunlu.(12)- 1501 wurde von Schah Ismail I. der Staat der einheimischen Safawiden mit der Hauptstadt Täbris gegründet. Zum ersten Mal in der Geschichte vereinigte dieser alle Gebiete von Süd- und Nordaserbaidschan in einem Staat und übernahm die Herrschaft im ganzen Iran Der Gründer dieses neuen Staates, Schah Ismail I.(1501-1524), der auch als aserbaidschanischer bzw. türkischer Dichter unter dem Pseudonym Chatal bekannt ist, knüpfte unter dem Titel Schahanschah („ König der Könige") an die alte iranische Königstradition an. Anfangsspielte jedoch die türkische Stammesaristokratie neben der persischen eine wichtige Rolle in diesem. Neuen Staat. So bestand beispielsweise seine Armee überwiegend aus Türken.-In der Safawiden-Zeitwurde neben dem Persischen die türkische Sprache, die "Muttersprache der Safawiden", zur offiziellen Sprache des neuen Reiches, die am Hof des Schahs und in der Armee gebräuchlich war.  Eine große Rolle im sozialen und politischen Leben des neuen Staates spielten die aserbaidschanischen Städte wie Täbris (vor allem als Hauptstadt),Schamachi, Baku, Erdebil, Gence. Diese können zudem als Integrationszentren bezeichnet werden, in denen sich aserbaidschanische Khanate erfolgreich herausbildeten.- Ende des 16., Anfang des 17. Jhr. wurde jedoch unter der Herrschaft von Abbas I. (1588-1629) aus dem aserbaidschanisch-türkischen Safawidenreich ein persisches Reich. Dieser Umstand drückte sich vor allem in der in der Hauptstadtverlegung vom aserbaidschanischen Täbris in das zentraliranische Isfahan im Jahre 1597 ausdrückte. Die Herrschaft von Abbas I.führte ferner zur Stärkung des persischen Elements in der Staatsführung und -verwaltung. Zudem folgte die Ausschaltung der türkischen Kizilbasch und letztlich die Transformation von Aserbaidschan als staatstragendesKernland zu einer Provinz des bereits persischen Safawidenstaates.- Durch diese einschneidenden Entwicklungen wurde die seit dem Mittelalter bestehende "ethnische Dichotomie" von Persern und Türken im Iran, die sich vor allem in den Gegensätzen zwischen Sesshaften und Nomaden, Zivilverwaltung und Militär, Untertanenund Herrschenden äußerte, zugunsten der ersteren verschoben. Allerdings sollte diese Entwicklung nicht als der Anfang eines künftigen iranischen Nationalstaates und als Durchbruch iranischen Nationalbewusstseins· interpretiert werden. Bis ins 20. Jhr, beruhte das Selbstverständnis sowohl der Perser als auch der auf iranischem Boden lebenden Türken auf ihrem gemeinsamenschiitischen Bekenntnis.

Entstehung der (nord-)aserbaidschanischen Nationalidentität unter russischer Kolonialherrschaft. Das Ethnonym , Aserbaidschaner' setzte sich im heutigen Aserbaidschan erst mit der Verabschiedung der neuen sowjetischen Verfassung von 1937 durch. Bis dahin hießen sowohl das Volk als auch die Sprache "türkisch". Erst nachdem die Sowjetunion 1941 den Norden Irans (Südaserbaidschan) okkupiert hatte, herrschte in den Selbstbeschreibungen der Bewohner von Süd- und Nord-Aserbaidschan der Ausdruck "Aserbaidschaner" vor.(16) In zaristischer Zeit aber wurden die (türksprachigen)Muslime des Südkaukasus lediglich als, Jataren/Türken" oder als "Mohammedaner/Muslime" fremd- wie selbst bezeichnet.(17)Die Bezeichnung ,Aserbaidschan' als geographischer Begriff blickt jedoch auf eine lange Geschichte zurück. So wurde der bereits seit dem 6. Jhr. geläufige Begriff Aserbaidschan nach Auffassungen heimischer Orientalisten in persischen und arabischen Quellen schon ab dem 8. Jhr. Gleichzeitig für die Bezeichnung des heutigen Nord- und Südaserbaidschangebraucht.(18) Eine heute in der RepublikAserbaidschan weit verbreitete Erklärungsvariante leitet das Wort Aserbaidschan vom altpersischen "azar", also "Feuer" ab, demnach Aserbaidschan das "Land derFeuer" war. Dies soll sowohl auf die seitdem Altertum bekannten Öl-Vorkommen als auch auf den Zoroastrismus, dessen zentrale Symbolik das Feuer war, verweisen.

Ab dem ausgehenden 18.Jhr. begann das zaristische Russland den Norden Aserbaidschans zu beherrschen. In den beiden russisch-persischen Kriegen (18041813und 1827-1828) fielen sämtliche nordaserbaidschanischen Khanate einschließlich Nachitschewan und Eriwan an Russland. Diese Khanate waren nach Abschwächung der persischen Zentralherrschaft ab Mitte des 18. Jhr. durch die Ermordung von Nadir Schah1747 selbstständig geworden. Der endgültigen Annexion des Gesamtkaukasus durch das zaristische Russland im frühen 19. Jhr. Folgte eine neue Epoche in der Nationswerdung der Aserbaidschaner im modernen Sinne. Die Abschaffung der Khanate bzw. die Zusammenfassung ihrer Territorien zu zwei Gouvernements (1846 Baku und1876 Yelizavetpol) beendeten die Kleinstaaterei undführten zur territorialen Vereinheitlichung. Sie sollten für die Aserbaidschaner als Grundlage des künftigen Nationalstaates gelten sollte Die Anfänge „artikulierter muslimischer Selbstvergewisserung" des heutigen Aserbaidschan lassen sich auf die 30er Jahre des 19. Jhr. zurückführen, als Abbas Kuli Aga Bakichanov, Sohn des letzten Khans von Baku, begann kleinere Abhandlungen zur Geschichte des Landes zu verfassen. Ein  aserbaidschanisches Selbstverständnis entwickelte sich dennoch erst ab Mitte des 19 Jhr. Besonders in Abgrenzung zum kulturell Fremden bildete sich heraus, was heute als "aserbaidschanisch" zu bezeichnen ist.  Die postrevolutionäre nationale IdeologieEuropas führt in dieser Phase Mirza Fathali Achundow (1812-1878) als Begründer einer nationalaserbaidschanischen Identität an. Bemerkenswert ist besonders sein Beitrag zur Wiedergeburt der aserbaidschanischen Literatursprache, die letztendlich zur Befreiung Aserbaidschans von Jahrhunderter langer Kulturdominanz Persiens geführt hat. Die Wiedergeburt der nationalen Sprache und Literatur fand ihren Ausdruck vor allem in neuen Arten intellektueller Betätigung, wie beispielsweise im modernen Theater und im Journalismus. Diese muslimischen Aufklärer begannen gegen Ende des 19. Jhr  ihre Bildungs- bzw. Modernisierungsangebote, wie etwa die Trennung der Schule von religiösen Einrichtungen, unter der Bevölkerung zu verbreiten. In diesem Zugewurde 1875 vom Bakuer Realschullehrer Hasan Bej Zardabi (1832-1907) die erste türksprachige Zeitung im Kaukasus mit dem Namen ,,Ekinci"(Der Säer) herausgegeben, auf deren Seiten er im Wesentlichen antiklerikale, europäisch orientierte Aufklärungskonzepte verbreitete. Bereits ab den 70er Jahren des 19. Jhr. wurden die gesellschaftskritischen Theaterstücke im europäischen Stil von M. F. Achundow in Szene gesetzt, in denen er zu diesem Zeitpunkt den einfachsten Weg zur Vermittlung reformatorischer und moderner Ideen an ungebildete Volksmassen sah. Die Annexion der aserbaidschanischen Khanate durch eine auch kulturell grundfremde Kolonialmacht führte jedoch zwangsläufig zu Anpassungsschwierigkeiten im sozialen Leben der einheimischen Bevölkerung. Diese Entwicklung zeigte sich in erster Linie im Bereich des Bildungswesens. So fanden Aserbaidschaner als Muslime keinen Weg in das säkularisierte Schulsystem des modernen Interventionsstaates, weil sie sich damit von ihrer Tradition und Kultur hätten entfernen müssen. Es ließe sich bildhaft sagen, dass aus der Koranschule kein Weg in das russische Bildungswesen führte, denn sie sei eine Sackgasse gewesen, der nur entkam, wer sich von der Tradition abnabelte und den Assimilationsweg beschritt. Dazu waren nur wenige Muslime bereit. Diese fanden sich jedoch zum Nukleus einer kleinen nationalen Bewegung in Aserbaidschan zusammen. Im Unterschied zu Aserbaidschanern aber konnten etwa die christlichen Nachbarvölker der Georgier und Armenier den Anpassungsprozess an die sogenannte Zwangsmodernisierung der russischen Kolonialmachterfolgreich bewältigen. Ein selbstständiger bzw. naturwüchsiger muslimischer Weg in die (europäische)Moderne, wie er wohl schon im 18. Jhr. vage Konturen  hatte, war hierbei unmöglich geworden. Dabei ist Folgendes festzuhalten:

„Der Zwang, sich die Moderne durch Aufgabe der eigenen kulturellen Identität anzueignen, führte die Mehrheit der Muslime zur Ablehnung der so verstandenen Moderne, ihre Intelligenz flüchtete in einen [...] romantisch inspirierten Nationalismus.“ Angesichts der kulturellen Überfremdung innerhalb des zaristischen vielvölkerreiches wurde in Aserbaidschan in erster Linie die Sprachenfrage zum Hauptanliegen der nationalen Bildungselite. Ende des 19. jhr. kam die Sprachenfrage erneut in Bewegung. Dies wurde vornehmlich im Bestreben zahlreicher muslimischer Intellektueller deutlich, pädagogische und literarische Zeitungen im lokalen türkischen Volksdialekt herauszugeben. Die armenisch-türkischen bürgerkriegsähnlichen Unruhen in nordaserbaidschan im Jahre 1905, die vor allem von den Kolonialherren im Zuge ihrer „Teile und herrsche“-Politik inszeniert wurden, mobilisierte die städtische Bevölkerung in Aserbaidschan für das nationale Anliegen. Es führte zur kurzfristigen Institutionalisierung der nationalen Bewegung. Die Armenier als „gemeinsamer Feind“ wurden zu einem der anfänglichen Einflussfaktoren der nationalen Orientierung. zur Entfaltung eines flächendeckenden Nationalbewusstseins kam es im Zuge dieser Bewegung jedoch nicht, weil diese Wirkung nicht über die Städte des Landes hinausreichte. Daraus folgt, dass der bloße Mechanismus der Ablehnung des Fremden keine hinreichende Grundlage für das Zustandekommen eines überregionalen Zugehörigkeitsbewusstseins sein könne. Zudem wären der sozialen Mobilität muslimischer Bauern enge Grenzen durch die Ausschließlichkeit sunnitischer und schiitischer, nomadischer und sesshafter Identitäten gesetzt, welche die Mitglieder des Dorfs ohnehin auf den engeren stammesverbund zurückwarfen.  Seinen nächsten Höhepunkt erreichte der Entwicklungsprozess eines aserbaidschanischen Nationalgeistes nach der russischen Revolution in St. Peterburg 1905. Diese Veränderung sorgte für die Abschwächung der politischen Kontrolle der Zentralregierung über die Gesellschaft überall im Zarenreich. Hier kam der aserbaidschanisch-türkische Nationalismus vorerst in der Form des Panturkismus als Gegenprojekt zum russischen Pansiawismus  zum Ausdruck. Die geistigen Wegbereiter dieser neuen Form des (pan-)türkischen Nationalismus waren der Sorbonne-Absolvent und Journalist Achrned Bej Agajew (1870-1938) und der Bakuer Mediziner Ali Bej Husejnzade (1864-1941), die ihre Nationsvorstellungen auf ethnolinguistische Kriterien gründeten. Agajew hatte bereits im April 1905 in der Zeitung "Kaspij" erklärt, die Türken Russlands seien ein "ethnischer Organismus'; der von der "großen türkisch-tatarischen Rasse" abstammt, während der in der türkischen Welt viel zitierte Schlachtruf von Husejnzade "Islamisieren, Türkisieren, Europäisieren" lautete. Dies schwang nicht zuletzt auch im Eklektizismus des nationales Erwachens bei der einheimischen Intelligenz mit. Als hätten sich diese Ideen im aserbaidschanischen Nationalbewusstsein zueinander konform verhalten können, weil fast alle Türkvölker Muslime sind und man unter" Europäisierung" in erster Linie die technisch-wissenschaftliche Modernisierung verstand. Diese Identitätsdimensionen wurden später im dreifarbigen Staatsbanner der ersten Republik 1918-1920 symbolisiert: Blau stand für Türkismus, Rot für Europäismus, Grün für Islam{ismus).Diese Symbolik wurde auch von der heutigen dritten Republik übernommen. In jener Phase konnte man oft auch das Wort "millecilik“ (Nationalismus) auf den Seiten der neu herausgegebenen Zeitungen lesen, welche zudem auch begannen, ihre Leserschaft nicht einfach als Muslime, sondern als Kaukasustürken oder einfach Türken anzusprechen. Mit anderen Worten:"The consciousness of belonging to the Turkic nation(qövm) had gained acceptance among the intelligentsia- educated Azerbaijanis had already began tocall themselves Turks:' Auch der Kulturpublizistik war das nationale Erwachen deutlich zu verspüren. In dem Prozess der kulturellenWiedergeburt war vor allem die Inszenierung der ersten aserbaidschanischen Oper "Leyli und Macnun"des  Bakuer Komponisten Uzeir Hadschibejow 1908 symbolisch. Darüber hinaus führten die Bemühungen im Bildungswesen zu erheblichen Ergebnissen. Die Anzahl der Schreib- und Lesekundigen, aber auch die von Büchern in der einheimischen Sprache stieg erheblich an, während mit der verminderten zaristischen Zensur die "goldene Zeit" der aserbaidschanischen Presse einsetzte. Ab dem Ende des 19.Jhr. wurde in der einheimischen Literatur der "muslimische" Rückstand stark kritisiert und dementsprechend die technisch-wissenschaftliche Überlegenheit Europas deutlich wahrgenommen. In diesem Sinne wurden die säkulare Aufklärung und der wissenschaftlich-technische Fortschritt als nationale Erlösung angesehen, was etwa aus den folgenden satirischen Versen des Schamachiner Dichters Mirza Elekber Sabir hervorgeht. Das Jahrhundert spricht uns an - aber wir reagieren nicht. Wir erwachen nicht bei eröffneten Kanonenfeuern, Europäer sind in Heißluftballons unterwegs;  Wir steigen noch nicht mal in das Auto. Anfang des 20. Jhr. war in der einheimischen Pressedie Sprachenfrage zudem eines der am heftigsten diskutierten Probleme der nationalen 5elbstvergewisserung.Diese Debatte betraf vor allem ihre Verschriftlichung. Die wichtigste Frage lautete: Auf welchem Dialektsoll die literarische Sprache der Aserbaidschaner basieren?  Zwei Lager bildeten sich heraus. Das eine Lager (Gruppe "Füyuzot") befürwortete die Einführung  des Osmanisch-Türkischen als Literatursprache, während das andere Lager (Azerigiler) für die Sprache plädierte, die die einheimische Bevölkerung sprach. Das Hauptargument der Osmanisch-Befürworter bezog sich in diesem Streit auf die Notwendigkeit einer einzigen Literatursprache für alle Türkvölker sowie auf die Zurückgebliebenheit einheimischer Muttersprachenin ihrer "naturwüchsigen" Entwicklung hinter dem philosophischen, politischen und wissenschaftlichen Fortschritt. Das generelle Gegenargument des Lagers der "Azerigiler" kam in den Worten von Omar Faik Nemanzade, einem Protagonisten der Volkssprache, unmissverständlich zum Ausdruck:"We do not need to be read by five or ten persons in Istanbul. What we do need is to be read by three or four million of the people of the Caucasus:' In der Sprachenfrage messen einige Historiker dem 1913 erschienenen Artikel "Muttersprache" des Literaturkritikers und Historikers Firuddin  Bej  Kötscherli, in der damals über Aserbaidschan hinaus verbreiteten Zeitschrift "Molla Nesreddin", eine besondere Bedeutung bei. Er trug dazu bei, dass sich die für den Nationswerdungsprozess wichtigen "Azerciler" durchsetzten. In seiner scharfen Kritik an Osmanisierungsbestrebungen der einheimischen Sprache brachte er seine nationale Ansicht klar auf den Punkt:"The fundamental attribute of every nation [...] is its language. A nation could lose its wealth, its government,even its territory, and still survive, but should itlose language not a trace of it would remain:' Dieser Artikel kann mithin als klares Indiz für die Entfaltung eines aserbaidschanischen Nationalbewusstseins unter den einheimischen Intellektuellen gelten, da hier die Sprache als "Seele der Nation" verherrlicht wird. Das folgte aus der Auffassung, welche die Nation als Persönlichkeit sah, deren Integrität sich auch in der Verwendung einer einzigen Sprache widerspiegeln müsse.Hier lässt sich sagen, dass die russische Kolonialmacht den Aserbaidschanern "unter dem Imperativ der europäischen Zivilisation" die Möglichkeit versperrte, sich die Moderne im eigenen kulturellen Kontext anzueignen. Der weitgehende Ausschluss der Einheimischen aus der Kolonialverwaltung brachte unter der Bildungseliteim Lande ein Minderwertigkeitsbewusstsein und ein Gefühl der Ausgeschlossenheit hervor. Der "Geist der Inferiorität" und die durch die Industrialisierung Bakus hervorgerufene "Ethnisierung  sozialer Hierarchien" waren deshalb wichtige Quellen des aufkommenden (türkischen) Nationalismus in Aserbaidschan. Zudem erwuchs dieser Nationalismus auch aufgrund gewalttätiger ethnischer Konflikte mit Armeniern sowie der Benachteiligung der muslimisch geprägten einheimischen Bevölkerung durch die Kolonialverwaltung. Wenn man in der Frage des Nationbuilding nicht bei den Volksmassen, sondern bei der (Bildungs) Elite ansetzt, lässt sich schließen, dass am Anfang des 20. Jhr. bereits von einer "aserbaidschanischen Identität" gesprochen werden konnte, jedoch im Sinne eines "variablen Deutungsentwurfes': dessen Implikationen noch nicht verfestigt waren. Es ließe sich konstatieren, dass vor allem Sprach-, Literatur- und Theaterentwicklung sowie der Umgang mit der Geschichte deutliche Hinweise für ein bis zu diesem Zeitpunkt vordergründig entstandenes eigenes Identitätskonzept waren. Ausdruck fand die neue Identität durch eine selektive Übernahme der iranisch-schiitischen Hochkultur (literatur, Religionsphilosophie), die mit türkisch-iranischen Dynastietraditionen (vor allem Safawiden) kombiniert wurden. dabei erschien den Gebildeten neben der abstrakten islamischen Gemeinschaftsidee auch die Anlehnung an das türkische erbe auf sprachlich-ethnischer Ebene als zweiter Anknüpfungspunkt, um eine „erneuerte Identität zur Selbstbehauptung“ zu entwickeln. zum eigentlichen Erfolg der nationalen Bildungselite in diesen Zeiten zählt insgesamt die Verschriftlichung der Umgangssprache im aserbaidschanischen im Kampf mit den osmanisch-Befürwortern als eigenes Kommunikationsmittel, welches letztendlich zum ethnic maker wurde.

Nach der Revolution von 1905 begann in  Aserbaidschan auch die Politisierung der nationalen Idee. Zur tragenden Hauptsäule in diesem  Prozess wurde die Gründung der Partei „müsavat“  (Gleichheit) durch nationale Aufklärer im Jahre  1912. Sie griffen dabei zwar den romantisch inspirierten Nationalgedanken der Panturkisten auf, bezogen  ihn jedoch auf den engeren  Verbund einer kaukasischen  Nation in Gestalt der aserbaidschanischen  Türken, wo - mit dem sie die Türken Russlands und des osmanischen  Reiches ausschlossen. Die Artikulierung einer  nicht nur kulturellen, sondern auch einer politischen  Selbstbestimmung gegenüber der Kolonialmacht trug  letztlich zur staatlichen Unabhängigkeit der jungen  aserbaidschanischen Nation im Jahre 1918 bei.  die wichtigste soziokulturelle Entwicklung im Zuge des zaristischen Kolonialismus in Aserbaidschan war  

Insgesamt die Entstehung einer (modernen) intellektuellenSchicht, die bemüht war, die Agenda der nationalen bzw. nationalstaatlichen Transformation der aserbaidschanischen Gesellschaft zu bestimmen. Es ließe sich daraus herleiten, dass diese neue Intelligenzen vor allem auf die innere kulturelle Vereinigung Aserbaidschans abgesehen habe, was letztendlich zur Beseitigung der Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten und zur Entwicklung des einheitlichen Bildungswesens sowie der modernen Literaturspracheführte. Die säkular eingestellte Intelligenz versuchte zudem das allgemein-muslimische Identitätsbewusstsein durch die ethnozentristischen Ideen des türkischen qövm (Ethnos) und des aserbaidschanischen millat(Nation) zu ergänzen bzw. zu ersetzen. Seit Anfang des 20. Jhr. hob sich die aserbaidschanische Intelligenzallmählich mit ihren nationalen Besonderheiten gegengrößere Bewegungen, wie den (russländischen) Panislamismus und Pantürkismus oder den kaukasischen Föderalismus, ab. Die national-politische Entwicklung Aserbaidschans Iitt aber die ganze Zeithindurch generell unter der Kluft zwischen der modernen Elite und der traditionsgebundenen Volksmasse. In dieser Zeit vollzog die Eilte eine geistige Evolution vom Panislamismus über den (Pan-Türkismus hin zum Aserbaidschanismus). Die Massen aber blieben auf der Ebene des "Umma'; des lokalen Bewusstseins.

Aser Babajyev