Der Berg Karabach Konflikt

Berg-Karabach ist eine Region im Herzen Aserbaidschans, die seit je her historisches Siedlungsgebiet der Aserbaidschaner war. Heutzutage wird von der armenischen Seite die Besetzung Berg-Karabachs immer wieder mit dem falschen Argument verteidigt, es hätte dort immer eine armenische Bevölkerungsmehrheit gegeben und das Gebiet sei schon immer armenisch gewesen.

In den vergangenen Jahrhunderten jedenfalls schwankte die ethnische Zusammensetzung in Berg-Karabach enorm. Bedingt war dies durch die unterschiedlichen Siedlungsströmungen, die durch dieses Gebiet führten und unterschiedliche Geburtenraten der Ethnien. Die ersten verlässlichen Zahlen über die ethnische Zusammensetzung der Region stammen aus dem Jahr 1811. Das Gebiet war inzwischen Teil der russischen Kolonialverwaltung. In einem für das russische Innenministerium erstellten Dokument aus dem Jahr 1811 über die ethnische Zusammensetzung  der neuen russischen Kolonialgebiete wurde festgestellt, dass 2.500 armenische Familien und 9.500 aserbaidschanische Familien in Berg-Karabach lebten. Genauere Erhebungen wurden jedoch erst in den folgenden Jahren durchgeführt. Im Jahr 1828 erhob die russische Verwaltung erste umfangreiche statistische Informationen in Berg-Karabach. Demnach lebten 1823 insgesamt 20.095 Familien in dieser Region. Davon waren 15.729 Familien muslimische Aserbaidschaner und 4.366 Familien christliche Armenier. (ARPII-SSA, f. 1, s. 31, 2. 186a, v. 50).

Das russische Zarenreich war skeptisch gegenüber den muslimischen Völkern in den Kolonien. Sie betrieben daher, so wie Stalin in späteren Jahren auch, enorme Umsiedlungen der Ethnien, um so die potentiell aufbegehrenden Völker nach dem Motto „Divide et impera“ zu schwächen.

Zu den ersten umfassenden Umsiedlungen von Armeniern in die aserbaischanische Region Berg-Karabach kam es  im Jahr 1828. Die Umsiedlung der Armenier aus dem Persischen Reich nach Berg-Karabach erfolgte auf Grundlage eines Friedensvertrages, den Russland mit dem Persischen Reich geschlossen hatte. Nach Artikel XV des „Vertrages von Turkmencaj“ sollten die christlichen Armenier aus dem Persischen Reich nach Russland übersiedeln dürfen. Russland stellte den armenischen Siedlern dafür Land in den muslimischen Gebieten des russischen Zarenreichs, insbesondere in Aserbaidschan sowie steuerliche Befreiungen in Aussicht.

Der Russische Offizier G. Lazaraev, der an den Umsiedlungen beteiligt war, richtete einen offiziellen Appell an die armenische Bevölkerung im Persischen Reich:

„Christen! Mich erreichten glaubwürdige Gerüchte, dass einige übelgesonnene Leute versuchen, absurde und falsche Nachrichten zu verbreiten; mehr noch, sie versuchen denjenigen, die um Erlaubnis gebeten haben, in das gesegnete Russland überzusiedeln, Angst einzuflößen und damit den Willen ihres Herzens zu brechen. Um dies zu verhindern, erkläre ich, dass der großzügige Monarch Russlands allen, die es wollen, eine Möglichkeit gewährt, eine sichere, ruhige und glückliche Zuflucht in seinem Staat zu finden.  Sie werden in Jerewan, Nachitschewan oder Karabach –in dem Gebiet ihrer Wahl- reichlich fruchtbares Land bekommen…Ihr werdet für 6 Jahre von allen Steuern befreit; für die ärmsten unter euch wird es Hilfe geben…Ihr werdet zwar eure Heimat, die jedem am Herzen liegt, verlassen, aber der Gedanke an ein christliches Land allein sollte euch begeistern. Die in den persischen Gebieten zerstreuten Christen werden vereinigt. Des Weiteren, wisst ihr, dass der große Monarch von Russland eure Loyalität belohnen wird?“

(Quelle:
Glinka, Sergeij, Opisanije peeselenija Armjan adderbidzanskich w prederly Rossii <Beschreibung der Übersiedlung der Armenier von Adderbidschan nach Russland>, Moskwa 1831, S. 107ff. in: Prof. Dr. Kipke; Das armenisch-aserbaidschanische Verhältnis und der Konflikt um Berg-Karabach, VS-Verlag 2012, S. 59)

Und so wurde aus einer armenischen Minderheit im Verlaufe der kommenden  Jahrzehnte eine armenische Mehrheit in Berg-Karabach. Dies führte bei den Aserbaidschanern zu der Angst, Russland versuche ein „christliches Bollwerk“ in Aserbaidschan zu schaffen.

Die willkürliche Ansiedlung von Armeniern auf dem Gebiet Berg-Karabachs aber auch auf anderen Gebieten wie Jerewan, das heute die Hauptstadt Armeniens ist, führte zu ersten Spannungen mit den sesshaften Bewohnern Karabachs. Die russische Kolonialverwaltung war sich dieser Spannungen durchaus bewusst.

Der zu dieser Zeit aktive russische Botschafter in Persien Gribojedow schrieb in einem Brief hierzu:

„Wir…haben viel über die Überzeugungsarbeit nachgedacht, die bei den Muslimen durchgeführt werden soll, um sie dazu zu veranlassen, ihre jetzigen Entbehrungen zu akzeptieren, die nicht lange andauern werden. Man muss die Befürchtung der Muslime beseitigen, dass die Armenier die Gebiete, in die sie hereingelassen wurden, für immer vereinnahmen werden“  (Quelle: Gribojedow. A.S.: Socinenije w dwuch tomach, T.2  <Werk in zwei Bänden, Bd. 2> Moskau 1971, S. 340 f)

Dennoch etablierten sich die Armenier in der Region als feste Stütze Russlands und als Puffer gegen die muslimischen Turkvölker des  Südkaukasus. Es kam zu ersten ethnischen Spannungen in der Region. In den Jahren 1905 – 1907 kam es zu ersten großen Übergriffen durch Armenier auf die muslimischen Aserbaidschaner im Südkaukasus in den Gebieten Baku, Schuscha, Sangesur, Nachitschewan, Eriwan, Ordubad, Etschmiedsin, Dschavanscir und Gasach. Fast 300 aserbaidschanischer Dörfer wurden vernichtet.  Genaue Statistiken über die Anzahl der Toten gibt es nicht, dennoch fanden diese ersten Massenmorde Eingang in das Bewusstsein Aserbaidschans und in die zeitgenössische Literatur (z.B. M.S. Ordubadi, Die blutigen Jahre; M.M. Navvab,  Armenisch-muslimischer Krieg 1905-1906). In den folgenden Jahren intensivierten sich die Übergriffe und nahmen genozidiale Ausmaße an. Ziel war die Schaffung eines monoethnischen armenischen Staates frei von Turkvölkern. Die Grausamkeit, mit der armenische Nationalisten dabei vorgingen ist schwer erklärbar.
 
Die aserbaidschanische Bevölkerung war den Übergriffen hilflos ausgeliefert. Die russische Zentralverwaltung gewährte keinen Schutz und die Armenier verfügten im Gegensatz zu den Aserbaidschanern des Kaukasus über eine militärische Ausbildung und Bewaffnung. Bereits seit 1914 existierten armenische Freiwilligenverbände und Brigaden, die gemeinsam und loyal mit der russischen Armee im ersten Weltkrieg kämpften.

Ende 1917 ermordeten armenische Kämpfer über 7.000 schutzlose Aserbaidschaner in Karabach und vernichteten dutzende Dörfer. (Quelle: Vgl. Tadeusz Swietochowski, Russia and Azerbaijan: A Borderland in Transition; New York, Columbia University Press, 1995, S. 37 ff. )

Der armenische Kommandant Amazasp ermordete mit seinen Truppen 8.000 Aserbaidschaner in der Region Schamacha und 4.000 Aserbaidschaner in Guba. In der Region Jerewan, die heute die Hauptstadt der Republik Armenien ist, wurden etwa 80.000 Aserbaidschaner ermordet und 70.000 vertrieben. Höhepunkt des Genozids an den Aserbaidschanern waren die Massaker an Aserbaidschanern in Baku. Innerhalb weniger Tage ermordeten armenische Kämpfer über 12.000 aserbaidschanische Stadtbewohner auf grausamste. Schulen, Krankenhäuser und Moscheen wurden zerstört. Der 31. März ist seit diesen Geschehnissen ein nationaler Trauertag in Aserbaidschan.

Armenische Verbände hatten bei ihren Übergriffen weitestgehend freie Hand und wurden nicht durch Russland gehindert. Das zaristische Russland und das Osmanische Reich standen sich im Verlauf des 1. Weltkrieges verfeindet gegenüber. Aserbaidschan war zu dieser Zeit wichtigster Erdöllieferant Russlands. Aserbaidschaner waren jedoch turksprachig, muslimisch und damit potentiell eher geneigt für das Osmanische Reich Partei zu ergreifen. Insoweit bestand ein erhebliches Interesse seitens Russlands, die muslimischen Aserbaidschaner zu schwächen und den Zugang zu den erdölreichen aserbaidschanischen Territorien unter armenische Kontrolle gelangen zu lassen.

Die russische Siedlungspolitik und die dadurch bedingte fortschreitende ethnischen Segmentierung im Kaukasus führten schließlich zu weiteren ethnischen Spannungen.

Hauptursache der armenischen Übergriffe war wohl ein nationaler Wahn und die Vorstellung eines reinrassigen Großarmeniens, das an alte armenische Mythen anknüpft.

Im Jahr 1918 nach dem Zusammenbruch des russischen Zarenreiches formierten sich die souveränen Staaten Aserbaidschan, Armenien und Georgien. Da es im Südkaukasus zu dieser Zeit kaum ethnische homogene Gebiete gab, war die Grenzbildung der neu entstandenen Staaten schwierig. Die Region Karabach, die inzwischen bedingt durch die zaristische Sidelungspolitik überwiegend von Armeniern bewohnt war aber vollständig von aserbaidschanisch besiedelten Territorien umgeben war wurde Teil der Republik Aserbaidschan und als solches von der Weltgemeinschaft ausdrücklich als aserbaidschanisch anerkannt.

Armenische Nationalisten empfanden den Verbleib Karabachs als Teil Aserbaidschans als große Schmach und als Widerspruch zu dem zu dieser Zeit populären Wunsch nach einem "Großarmenien".

Die armenischen Kommandeure Andranik, Dro und Tevan, die in Armenien bis heute als nationale Volkshelden verehrt werden, griffen erneut aserbaidschanische Gebiete an. Sie stießen dabei kaum auf Widerstand und vernichteten alleine in der aserbaidschanischen Region Zangesur mehrere aserbaidschanische Siedlungen. Sie ermordeten dabei über 7.000 Aserbaidschaner und lösten eine Flüchtlingswelle aus. Zu massiven Übergriffen auf Aserbaidschaner kam es während dieser Zeit auch auf dem Gebiet des neuen Staates Armeniens. Während dieser Periode kamen wahrscheinlich 150.000 bis 300.000 Aserbaidschaner ums Leben.

Der armenische Historiker Lalayan ging in seinem in der Akademie der Wissenschaften Moskau im Jahr 1938 erschienenen Werk " The counter revolutionary essence of the party of the Dashnaks. Historical Notes. Vol. II davon aus, dass während der  30 monatigen Dauer des ersten armenischen Staates etwa 200.000 Aserbaidschaner "liquidiert" wurden.  Ziel war es, Armenien frei von Aserbaidschanern zu machen.

Lalayan schreibt hierzu:

"Während der Diktatur der Daschnaken (1918-1920) wurden die nichtarmenischen Teile als durchweg illegitim betrachtet. Das Endziel  der Daschnaken war die Auslöschung der aserbaidschanischen und kurdischen Bevölkerung auf den Territorien Armeniens und die Schaffung eines rein armenisch besiedelten Armeniens."

(Quelle: Lalayan, The counter revolutionary essence of the party of the Dashnaks. Historical Notes. Vol. II, 1938, S. 80, 104)

Da der gesamte Südkaukasus heterogen und multiethnisch besiedelt war, gab es keine größeren monoethnischen Gebiete. Der Wunsch armenischer Nationalisten in den Jahren 1918-1920, ein rein armenisches Siedlungsgebiet frei von Aserbaidschanern zu schaffen, konnte letztlich erst Anfang der neunziger Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verwirklicht werden.

Während der kurz dauernden Periode der staatlichen Eigenständigkeit Armeniens und Aserbaidschans war Berg-Karabach territorialer Bestandteil der Republik Aserbaidschan. Dieser Zustand wurde von der internationalen Gemeinschaft anerkannt. Auf der Pariser Friedenskonferenz Ende 1919 wurde schließlich der territoriale Status Berg-Karabachs festgelegt. Demnach verblieb Berg-Karabach in Aserbaidschan und Armenien verzichtete auf weitere territoriale Ansprüche auf dieses Gebiet. Die Unterzeichnung dieser Gebietsregelung stellt das erste verbindliche völkerrechtliche Dokument dar, das die territoriale Zugehörigkeit der Region eindeutig zu Aserbaidschan bestätigt.

Die Regelung auf der Pariser Friedenskonferenz widersprach jedoch dem Ansinnen nationalistischer Armenier. Im späteren Verlauf der Geschichte ignorierten  sie diese Vereinbarung.

Die souveränen Staaten Armenien und Aserbaidschan endeten mit dem Einmarsch der bolschewistischen Sowjettruppen 1920.

Die Sowjetphase leitete ein neues Verhältnis der Völker im Kaukasus zueinander ein. Aserbaidschan und Armenien wurden Sowjetrepubliken. Das Motto der sowjetischen Freundschaft der sozialistischen Bruderländer wurde zum bestimmenden Element in der Politik. Dennoch war das Verhältnis von Aserbaidschanern und Armeniern auch während dieser geschichtlichen Phase von Spannungen und Übergriffen geprägt. Unter der Mediation der Bolschewiken kam es zu diversen gegenseitigen Gebietsabtretungen zwischen den Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan.  Besonders schwierig gestaltete sich die Lösung der Berg-Karabach-Frage, da Armenien weiterhin Ansprüche auf dieses Gebiet erhob.

Berg-Karabach war historisches Siedlungsgebiet beider Ethnien mit unterschiedlich schwankenden Bevölkerungsanteilen. Zur Zeit der Entscheidung über die Karabachfrage gab es eine armenische Bevölkerungsmehrheit, die weites gehend im 19. Jahrhundert zugewandert war. Berg-Karabach war bis dahin aber überwiegend aserbaidschanisch besiedelt, liegt mitten in Aserbaidschan und war Teil Aserbaidschans und hatte keinerlei Verbindung zu Armenien. Karabach war seit historischen Zeiten Siedlungsgebiet von Aserbaidschanern gewesen. Darüber hinaus stellten auch Aserbaidschaner und andere Ethnien in bestimmten Gebieten anderer Sowjetrepubliken die Mehrheit dar. Diese außerhalb des Mutterlandes befindlichen aserbaidschanischen Siedlungsgebiete erhielten auch keine Selbstständigkeit.

Die Sowjetregierung entschied schließlich, dass Berg-Karabach territorialer Bestandteil Aserbaidschans blieb und den Status einer Autonomie erhielt. Der Status Berg-Karabachs als aserbaidschanisch wurde also ein zweites Mal völkerrechtlich eindeutig zu Gunsten Aserbaidschans geregelt.

Darüber hinaus kam es zu gegenseitigen Gebietsabtretungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. Durch diese Gebietsabtretungen verlor Aserbaidschan binnen weniger Jahre 27.400 qkm Land an Armenien.

Im Verlaufe der kommenden Jahre sollte es immer wieder armenische Gebietsforderungen gegen Aserbaidschan geben, die jedoch sämtlich von der SSR Aserbaidschan und der Moskauer Führung abgelehnt wurden.

Besonders bemerkenswert ist der Schriftwechsel zwischen dem ersten Sekretär der SSR Armenien Arutjunov  und dem ersten Sekretär der SSR Aserbaidschan Bagirov  aus dem Jahr 1945. 

Arutjunov forderte den Anschluss Berg-Karabachs an Armenien und begründet dies vor allem mit der armenische Bevölkerungsmehrheit in dem Gebiet.  Am 10. Dezember 1945 antwortet der Sekretär der SSR Aserbaidschans Bagirov in teils ironischer Weise wie folgt:

 „Das Territorium des heutigen Autonomiegebietes Berg-Karabach war Bestandteil eines aserbaidschanischen Feudalstaates, des Khanats Karabach. Dessen Zentrum war die Stadt Panahabad, die vom Feudalherrscher Panah-Khan erbaut worden ist … 1923 wurde die Frage nach einem Anschluss von Karabach an Armenien aufgeworfen. Weil dieses Gebiet keine gemeinsame Grenze mit Sowjet-Armenien hat, von Armenien durch die nur von Aserbaidschanern besiedelten Gebiete Kubatli, Latschin, Dostafjurt und Kelbadschar getrennt ist, wurde auf Weisung der Parteiorgane durch Dekret des Aserbaidschanischen Zentralen Exekutivkomitees vom 07. Juli 1923 das Autonomiegebiet Berg-Karabach gegründet. Sein Zentrum war der kleine Ort Khankändi, der später in Stepanakert umbenannt wurde. Das Autonomiegebiet Berg-Karabach gehörte territorial niemals zur Armenischen SSR.
Seit der Sowjetisierung Aserbaidschans wurden im Gebiet Karabach hervorragende Leistungen in der Wirtschaft, der Politik, aber auch in der Kultur erzielt. Eines der besten Beispiele dafür ist die Stadt Stepanakert selbst. Das war einst ein verlassenes und durch Krieg zerstörtes Dorf. Daraus wurde mit der Zeit eine der wohlhabenden und schönen Städte Aserbaidschans.
20,5 % der Studenten aller Hochschulen und Fachhochschulen der Aserbaidschanischen SSR sind Armenier, die Mehrheit von ihnen aus dem Autonomiegebiet Berg-Karabach. Viele Positionen in Aserbaidschan, in der Führung der Partei und des Landes sind von armenischen Genossen aus Karabach besetzt…
Trotzdem wenden wir uns nicht gegen eine Eingliederung des Autonomiegebietes in die Sowjetrepublik Armenien – unter Ausschluss der Stadt Schuscha. Die Stadt Schuscha ist ausschließlich von Aserbaidschanern bewohnt. Sie hat im historischen Gedächtnis des aserbaidschanischen Volkes eine besondere Stellung. Hier hat das aserbaidschanisch Volk für seine Freiheit gegen die Perser gekämpft. Diese Stadt hat auch eine besondere Stellung in der aserbaidschanischen Kultur. Sie ist eng mit den großen Namen der Geschichts- und Kulturwelt des aserbaidschanischen Volkes verbunden…
Wir fühlen uns dazu verpflichtet, die Führung der Kommunistischen Partei von unserem folgenden Anliegen in Kenntnis zu setzen: Bei einem Anschluss des Autonomiegebietes Berg-Karabach an Armenien sollte auch die Einbeziehung der armenischen Gebiete Asisbewow, Wedi und Karabakhlar in die Aserbaidschanische SSR in Betracht gezogen werden. Diese Gebiete in Armenien sind mehrheitlich von Aserbaidschanern bewohnt und grenzen direkt an die Sowjetrepublik Aserbaidschan. Angesichts der außerordentlichen Rückständigkeit dieser in Armenien liegenden Gebiete in kultureller und ökonomischer Hinsicht wird die Angliederung an Aserbaidschan die Möglichkeit der Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen und der kulturell-politischen Versorgung der Bevölkerung bieten“
(ARPII-SSA, f. 1,s. 31, i. 186a (1), v. 8-12)

Die armenische Seite antwortete nicht auf diesen Brief.

Sie forderte die Angliederung mehrheitlich armenisch besiedelter Gebiete in Aserbaidschan war aber selber nicht bereit, mehrheitlich aserbaidschanisch bewohnte Gebiete an Aserbaidschan abzugeben.

Zu erneuten Auseinandersetzungen kam es dann im Jahr 1965. Am 24. April des Jahres gedachten Armenier öffentlich Opfer des Osmanischen Reiches in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Die zuerst friedliche Kundgebung schlug schnell in eine aggressive Stimmung um. In Armenien kam es an diesem Tag zu den ersten Übergriffen auf Aserbaidschaner während der Sowjetzeit. 

Die folgenden Jahre waren zunehmen durch Propaganda und Hetze gegen die Aserbaidschaner in Berg-Karabach geprägt. In verschiedenen Artikeln und Publikationen versuchten Armenier darzulegen, dass Karabach das Zentrum armenischer Kultur sei und die Aserbaidschaner quasi als „Fremdköper“ lediglich in dieses Gebiet hinzugezogen seien. Die Tatsache, dass Armenier durch das russische Zarenreich nach Ende des Russisch-Persischen Krieges in Berg-Karabach angesiedelt wurden, wurde zunehmen negiert. Denkmäler, die an die Besiedlung Berg-Karabachs durch Armenier erinnerten wurden abgeändert.

Nachfolgend zu erkennen ist diese Vorgehensweise am Beispiel des Denkmals aus der armenischen Siedlung Agdara in Berg-Karabach, dass 1978 erbaut und mit der Aufschrift „150 Jahre Umsiedlung“ an die Siedlungsgeschichte der Armenier in Berg-Karabach erinnern sollte. Wenige Jahre später wurde diese Aufschrift von armenischen Nationalisten entfernt.





Heutzutage wird die Siedlungsgeschichte der Armenier aus dem Persischen Reich nach Karabach von Armeniern geleugnet.

Der Versuch, durch Negierung der Siedlungsgeschichte einen Anspruch auf Berg-Karabach zu begründen und dadurch eine Angliederung an Armenien zu ermöglichen war jedoch zu Sowjetzeiten nicht erfolgreich. 

Mitte der sechziger Jahre änderte sich daher die Begründung für die Gebietsansprüche dahingehend, als  dass nun eine sozioökonomische Benachteiligung von Berg-Karabach als Hauptargument ins Feld geführt wurde. Dieses Argument stellt bis heute eines der wichtigsten Pfeiler für die Besetzung der Gebiete durch Armenien nach dem Berg-Karabach-Krieg dar. Im Mai 1964 wandten sich Armenier mit einer Petition an die Sowjetführung, die erneut die Angliederung Karabachs an Sowjetarmenien zum Inhalt hatte. Begründet wurde diese Petition pauschal mit einer dauerhaften Benachteiligung des Gebietes in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht, die jedoch nicht belegt wurde.

Der Politik- und Rechtswissenschaftler Prof. Dr. jur. Kipke hat dieses Hauptargument für Vertreibung und Besetzung eingehend untersucht und stellt dazu Folgendes fest:

„Ein Blick in die einschlägigen Statistiken wiederlegt die armenischen Behauptungen in wesentlichen Punkten.“


Kipke schreibt weiter:

„Nach Etablierung der Sowjetherrschaft in Aserbaidschan kam es in den 1930er Jahren zu einem Industrialisierungsschub im Lande, der auch das Autonomiegebiet Berg-Karabach erfasste. In Karabach hat man im Zuge dieser Entwicklung eine Reihe von Betrieben gegründet, in denen Möbel, Textilwaren und Lebensmittel hergestellt wurden. Die industrielle Produktion im Autonomiegebiet wuchs im Zeitraum von 1940 bis 1950 um 174 % und nahm bis zum Jahr 1962 um 341 % gegenüber 1940 zu. Ein derartig starkes Wachstum war nur dank der Investitionen in die industrielle Entwicklung des Gebietes mit Mitteln aus dem Staatshaushalt der Sowjetrepublik Aserbaidschan möglich. Die verfügbare Statistik für die Jahre 1951 bis 1961 weist eine Steigerung des Gesamtumfangs der Investitionen von 0,7 Millionen auf 4,9 Millionen Rubel aus…Gab es bis 1920 in Karabach nur 49 Schulen und ein Krankenhaus, so erhöhten sich die Zahlen bis zum Jahr 1962 auf 259 Schulen, bei einer exorbitant gestiegenen Schülerzahl, und auf 36 Krankenhäuser. Die Zahl der Ärzte stieg im selben Zeitraum von 2 auf 194. Die Statistik dokumentiert damit eine bemerkenswerte Entwicklung, berücksichtigt man die sowjetischen Verhältnisse jener Zeitphase.“

(Quelle: Kipke; Das armenisch-aserbaidschanische Verhältnis und der Konflikt um Berg-Karabach, VS-Verlag 2012, S. 59)

Seit Anfang der 60er verschob sich der aserbaidschanische Bevölkerungsanteil in Berg-Karabach wieder stetig zu Gunsten der Aserbaidschaner.

Betrug der Anteil von Aserbaidschanern in Berg-Karabach im Jahr 1926 noch 9,23 % so betrug er 1979 bereits 22,8 % mit steigender Tendenz (zum Vergleich 1828 betrug der aserbaidschanische Anteil 78,3 %). In dem Zeitraum 1949 bis 1989 stieg auch die Anzahl der Armenier in Berg-Karabach stetig. Durch die höhere Geburtenrate der muslimischen Aserbaidschaner verschob sich das Verhältnis insgesamt jedoch dennoch zu Gunsten der Aserbaidschaner.

Die steigende Anzahl ethnischer Aserbaidschaner löste heftige Reaktionen bei den Armeniern aus, die zu weiteren Übergriffen auf Aserbaidschaner und Feindseligkeiten führten.

Dies verschlechterte die Beziehungen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern in Berg-Karabach erheblich. Die folgenden Jahre waren jedoch nicht durch eine Politik der Entspannung sondern durch weitere gezielte Provokationen geprägt. 

In den 80er Jahren wurde immer aggressiver und unverhohlener gegen Aserbaidschaner gehetzt.

Besonders bemerkenswert aus diesem Zeitraum ist  eine Veröffentlichung der armenischen Volksdichterin Silwa Kaputikjan in der Zeitschrift "Druschba narodow" (deutsch: Freundschaft der Völker), in denen sie ihre armenischen Landsleute dazu aufruft, "mit Flinte und Leichentuch" durch die aserbaidschanischen Dörfer zu ziehen. Fast zeitgleich erscheint in russischer Massenauflage das Buch "Otschag" des armenischen Autors Zorij Balajan, in dem dieser die "zu schnelle Vermehrung " der Aserbaidschaner beklagt und "Gegenmaßnahmen" empfiehlt. (Quelle: Johannes Rau, Berg-Karabach in der Geschichte Aserbaidschans und die Aggression Armeniens gegen Aserbaidschan, 2009, Köster Verlag, S. 214)

Im Verlaufe des Jahres 1987 hatte sich der Nationalismus in Armenien bereits derart entwickeln können, dass nun unverhohlen und planmäßig Aserbaidschaner in Berg-Karabach und Armenien angegriffen wurden.

Ende 1987 kam es zu den ersten Pogromen in Armenien bei denen 220 Aserbaidschaner getötet und 1.154 verletzt wurden. Marodierende paramilitärische armenische Verbände zogen durch aserbaidschanische Dörfer brandschatzend und mordend. Viele Häuser wurden zerstört. Diese Pogrome lösten die erste Flüchtlingswelle von Aserbaidschanern aus der Armenischen SSR aus. Die Flüchtlinge erreichten Anfang 1988 die aserbaidschanischen Städte Sumgait und Baku. Die Pogrome stellten die Sowjetische Führung vor erhebliche Probleme; passte dies doch so gar nicht in das nach außen vermittelte Bild der „Freundschaft unter den sowjetischen Bruderstaaten“.  Inzwischen erreichten Aserbaidschan erste Berichte über eine große Zahl getöteter Aserbaidschaner aus Armenien. Immer mehr Flüchtlinge erreichten Sumgait und Baku und berichteten über Gräueltaten, so dass sich die Stimmung in Baku und Sumgait schnell aufheizte. Trotz der schlechten Nachrichtelage gelangten erste Berichte der Vertreibungen auch in westliche Medien, die über „fliehende Aseris“ berichteten. (Quelle: Vgl. Altstadt Audrey L., O Patria Mia,: National Conflict in Mountainious Karabakh, 1994. In: Duncan, Raymond W./Holman, Paul G., Ethinc Nationalism and Regional Conflict. The Former Sowjet Unon and Yugoslawia, San Francisco, Westerview Press, S. 116).

Die Wut über die Vertreibungen und Zerstörung der aserbaidschanischen Dörfer in Armenien und der Bericht über getötete Aserbaidschaner führten am 22. Februar 1988 zu einer eskalierenden Situation in Sumgait. Es kam zu Übergriffen auf armenischen Bewohner, bei dem mehrere Menschen starben.

Diese Eskalation lieferte den armenischen  Nationalisten den willkommenen letzten Baustein zur Rechtfertigung für die Vertreibung der angestammten aserbaidschanischen Bevölkerung Berg-Karabachs.

Bereits wenige Tage nach den Ereignissen von Sumgait hieß es in armenischen Filmbeiträgen:

"Jetzt können Sie sich selbst davon überzeugen, dass das armenische Volk mit den Aserbaidschanern nicht in einem Staatsgebilde leben kann, dass die einzige Lösung für das Karabach-Problem die Angliederung an Armenien ist..."

(Quelle: Johannes Rau, Berg-Karabach in der Geschichte Aserbaidschans und die Aggression Armeniens gegen Aserbaidschan, 2009, Köster Verlag, S. 214)


Zeitgleich zerstörten paramilitärische armenische Einheiten sieben aserbaidschanische Dörfer vollständig  und vertrieben die Anwohner. Die immer größer werdende Flüchtlingsströme -inzwischen war die Zahl auf mehr  als 200.000 angewachsen- von Aserbaidschanern aus Armenien und Berg-Karabach, die in den Städten Aserbaidschans ankamen heizten die Stimmung in Aserbaidschan immer weiter auf. Die Massendeportationen und Massentötungen von Aserbaidschanern in Armenien und Berg-Karabach und weitere Versuche der Berg-Karabach-Armenier, einen Anschluss der Region an Armenien zu erwirken führte schließlich zu kriegsähnlichen Zuständen zwischen Armenien und Aserbaidschan.

Am 01. Dezember 1989, als bereits  ein großer  Teil der Berg-Karabach-Aserbaidschaner vertrieben wurde, erklärte die Armenische SSR den Anschluss Berg-Karabachs an Armenien und löste damit Unruhen in Baku aus, die von der Sowjetarmee mit großer Brutalität niedergeschlagen wurden.

Hauptziel der armenischen Aggressionen und Provokationen, die ihren Anfang bereits im Jahr 1987 genommen hatte, war die Schaffung eines rein armenischen Berg-Karabachs und der Anschluss an Armenien.

Trotz der umfangreichen Vertreibungen lebten immer noch viele Tausende Aserbaidschaner in Berg-Karabach.
Viele Aserbaidschaner hofften noch, dass dieser Krieg bald durch ein Eingreifen der Sowjetführung oder durch Friedensverhandlungen beendet werden würde. Die Hoffnung auf ein Ende des Krieges hinderte sie daran, ihre Dörfer und Felder zu verlassen und bewog sie, in Berg-Karabach zu bleiben.

In der aserbaidschanischen Stadt Chodschali sollte dann durch ein Ereignis ein endgültiger Fluchtimpuls bei den verbleibenden Aserbaidschanern durch armenische Militäreinheiten ausgelöst werden. Die vollständige Auslöschung der Stadt, die Verstümmelungen von Frauen und Kindern, das gezielte Lenken von Flüchtlingen in Fluchtkorridore, die zu Todesfallen wurden, das grausame Töten von Kindern vor den Augen ihrer Eltern und umgekehrt, initiierte bei allen verbleibenden Aserbaidschanern in Berg-Karabach und den umliegenden von armenischen Einheiten besetzten Gebieten den gewünschten Fluchtimpuls. Sämtliche noch in Karabach aber auch in Armenien lebenden Aserbaidschaner flohen.
In kaum einem andern Konflikt der vergangenen 60 Jahre kam es zu solch einer absoluten und vollständigen Auslöschung einer Ethnie auf einem großflächigen Gebiet wie in Karabach oder einem ganzen Staat  wie der  Republik Armenien.